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Walter Lang Baroque Jazz Trio

From Bach to Händel

Walter Lang

BAROQUE JAZZ TRIO
von Reinhard Köchl
Es klingt so einfach, gehört aber mit zu den schwierigsten Übungen: Ein Jazzmusiker greift sich ein Thema, spielt es einmal, vergisst es wieder, behält allenfalls die Harmonien und zimmert etwas völlig Neues, etwas ganz Anderes daraus. Selbst Johann Sebastian Bach hat manchmal so gearbeitet, Mozart, Beethoven, Chopin oder Bruckner gaben sich gerne ihren „Fantasien“ am Klavier hin, in Frankreich waren es Cesar Franck, Charles-Marie Widor und Louis Vierne, die sich immer wieder von Notenblättern lösten und ihre Zuhörer überraschten. Die Erkenntnis, dass Improvisation einen kaum bekannten, gleichwohl jedoch bedeutenden Impuls des Barock darstellte, gewinnt auch in Klassikkreisen immer mehr Raum.
Eine Chance. Mithin die tragfähigste Brücke innerhalb einer mittlerweile ziemlich ermüdenden Diskussion, ob Jazz und Klassik nun wirklich miteinander können. Vielleicht. Manchmal. Wirklich ? Ein entschiedenes Jein, ein beherztes Achselzucken, euphorische Ratlosigkeit. Und wie soll man das Ganze überhaupt nennen ? Crossover ? Fussion ? Klassikjazz ? Die Antwort steckt nicht etwa in neuen oder alten Schubladen, sondern alleine in Personen. In Musikern wie Walter Lang, Henning Sieverts und Rick Hollander. In Formationen wie dem Baroque Jazz Trio. Weil es sich auf erfrischende Weise einen feuchten Kehricht um überflüssige Fragen wie diese schert. Zwar oberflächlich „nur“ wieder eines dieser vielen gleichschenkligen instrumentalen Dreiecke, die normalerweise in Szenelokalen direkt neben der Herrentoilette ihr mühsames Berieselungshandwerk versehen müssen. Aber schon vom Ansatz her eine Allianz der kompatiblen Kontraste. Eine Gruppe, die unbefangen und erfinderisch mit Noten, Klängen, Stimmungen , Atmosphären und Erfahrungen jongliert. Verständigung, Neugier, gemeinsames Suchen. Ein Prozess mit völlig offenem Ausgang. Nichts kann vorhergesagt, nichts korrigiert werden. Warum denken andere Musiker nicht genauso, wenn sie sich in das verminte Grenzgebiet von Jazz und Klassik vorwagen?
Lang liebt von jeher riskante Grenzgänge. Die Musik des Stummfilm-Giganten Charlie Chaplin oder die Kompositionen der Beatles verpflanzte er ebenso beherzt und würdevoll in eine fremde Umgebung, wie die Werke von Robert Schumann und Franz Schubert. Wobei sich der Jazzmusiker reinsten Wassers niemals brüsk über das Original hinwegsetzen würde. Ihm geht es schlichtweg um das Ausloten natürlicher Grenzen, um die Freiheit, Musik einfach laufen zu lassen, sie dem jeweiligen Augenblick zu überantworten. Ein Spiel mit Noten, aber auch spontanen Einfällen, von Synthesen, Fragmenten, Eindrücken, Gefühlen, Zitaten, Verfremdungen, Anleihen, Grau- und Blautönen, Erinnerungen. Wie jenes verschütt gegangene Bild, da Walter Lang bei der Arbeit an den Barockthemen urplötzlich wieder vor Augen kam - „Als Kind habe ich jeden Sonntag in der evangelischen Kirche in unserem damaligen Wohnort Lorch in Württemberg dem Kantor und dem Posaunenchor zugehört. Das alles trat jetzt wieder zum Vorschein. Und es traf einen Punkt, der mich schon immer tief berührte.“
Das Leise, Behutsame, die schönen, bewegenden Melodien. Schlichtheit heißt das Zauberwort, die Konzentration auf das wirklich Wesentliche. Keine verschachtelten Arrangements und affektierten Instrumentalkunststückchen, kein überflüssiger Ton, kein trendiger Groove.
Dafür klare, übersichtlichere Strukturen. Wärme. Wie ein wolkenloser, sternübersäter Nachthimmel.
Herrliche Melodieströme, die prickeln wie kühler Regen auf heißer Haut. So lässt sich das Eingeständnis, in Wahrheit ein Gefühlsmensch zu sein, auch für Menschen mit einem dicken rationalen Schutzpanzer besser ertragen. Hier wird nichts in unerträglicher „Play Bach“- Manier zerswingt, nicht steril auf modern gepeppt. Die drei Musiker lassen „Mein gläubiges Herze, frohlocke“ aus der BWV Kantate Nr. 68 oder Händels „Largo“ würdevoll in ihren Originalharmonien funkeln. Der Song als ästhetisches Haus, als künstlerische Einheit: Lang, Sieverts und Holländer halten sich strikt an diesen Grundsatz, bauen um die einzelnen Titel herum ihre eigenen Deutungen.
„Du sollst werden, der du bist“, hatte Friedrich Nietzsche 1882 in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ gefordert. Wie Lang der wurde, der er ist, lässt sich einfach nachvollziehen: Ähnlich wie Bach, Michelangelo oder Thomas Mann zieht auch der eigenwillige Kopf seine Lust aus einem ausgeprägten Formsinn. Dieser lässt ihn formen und formt ihn selbst. Und es sind traditionelle Tugenden, an denen er sich dabei orientiert. Denn dass Profil und Einzigartigkeit überhaupt nichts mit Schaumschlägerei und Schnellschüssen zu tun haben, sondern mit harter Arbeit, besitzt seit dem „per aspera ad astra“, seid dem „durch Mühen zu den Sternen“ des alten Roms, unvermindert Gültigkeit. Es ist Selbstkontrolle und Spontanität, das Pendel zwischen Ordnung und Freiheit und die daraus resultierenden wunderbaren musikalischen Resultate, die einem allerhöchsten Respekt abringen.